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Blaurock
"Blaurock ist da" rief Heinrich Fritz wenn er mit seinem Motorrad
vorfuhr, denn blaue Ätzflecken waren eine Art Markenzeichen
von
ihm. Er hatte in den zwanziger und dreißiger Jahren in den
Dörfern der Oberweser und des Sollings eine gewisse
Popularität als Fotograf erlangt.
Mein Urgroßvater, Heinrich Fritz stammte aus Ostpreussen und
wurde 1879 in Barten geboren. Er kam wahrscheinlich um die
Jahrhundertwende in den Solling.
Als junger Mann war er als Fotograf, Maschinist und Gärtner
tätig. Er hielt Konfirmationen, Hochzeiten und allerlei Feste
mit
seiner Plattenkamera fest.
Im Jahre 1910 zog er mit seiner Familie nach Karlshafen und wurde
Berufsfotograf.
In den Jahren vor dem ersten Weltkrieg kamen immer mehr
Sommergäste in das Kurstädtchen Karlshafen an der
Weser und
er, umtriebig und jung, war als Fotograf zur Stelle, wenn ein Dampfer
anlegte.
In seinem Haus besaß er lediglich ein kleines Labor. Das
Atelier
war die Straße. So lichtete er seine Kunden am historischen
Hafen
oder an der Weser mit seiner Reisekamera ab. Da der Apparat keinen
Verschluss besaß, wurde lange Zeit ein Schuhcremedeckel
benutzt.
Trotz vielfältiger Schwierigkeiten konnte sich Heinrich Fritz
in wenigen Jahren als Fotograf in Karlshafen etablieren.
Der Ausbruch des 1. Weltkrieges stellte diese bescheidene Existenz in
Frage.
Heinrich wurde eingezogen zum Kriegsdienst. Er nahm aber seine Kamera
mit an die Front und schoss zahlreiche Fotos vom Alltag an der Front.
Nach dem Krieg konnte er nur langsam wieder Fuß fassen. Vor
allem
während der Inflationsjahre 1923 war es nur mühsam
möglich die Familie zu ernähren.
In dieser Zeit betätigte Heinrich sich auch als Lumpen- und
Altkleidersammler. Ausserdem fing er Maulwürfe mit seinen
Fallen
und verkaufte deren Felle.
In der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre konnte er wieder von
seiner Arbeit als Fotograf leben.
Er fuhr mit seinem Fahrrad, später mit seinem
Zündapp-Motorrad über die Dörfer und war auf
allen
Hochzeiten ein hochangesehener Party-Fotograf.
Jetzt arbeitete er auch für öffentliche Auftraggeber.
So
wurde er auch eine Art Betriebsfotograf für mehrere
ansässige
Unternehmen im Umkreis von Karlshafen.
Der Machtübernahme der Nationalsozialisten begegnete er mit
Skepsis und größter Zurückhaltung. Trotz
massiver
Verbote fotografierte Fritz während der Kriegsjahre weiter.
Heinrich Fritz war ein volkstümlicher Künstler auf
dem Land.
Er war nicht nur Fotograf, sondern versuchte sich auch - allerdings
erfolglos - als Erfinder. In seiner Freizeit malte er auf einem
beachtlichen Niveau Landschaftsbilder. Er mochte die kleinen Leute in
den Solling- und Wesergemeinden.
Beeindruckend sind auch seine Dorfportraits, die Fotos vermitteln einen
Einblick in das schwere Leben auf dem Lande zur Zeit unserer
Urgroß- und Ururgroßeltern. Die Strassen sind kaum
aufgeräumt, die Häuser leicht verwahrlost. Heinrich
sah sich
durchaus als Chronist seiner Zeit und vermittelt ein ungeschminktes
Bild von der Weser-Solling Region.
Die Perspektive von meinem Urgroßvater greift dem Ansatz der in den
sechziger Jahren entstandenen Dokumentarfotografie vor. Er benutzte
eine kompliziert zu handhabende Großformatkamera, es blieb ihm auch
gar nichts anderes übrig, da die Kompaktkameras erst
später
in den zwanziger Jahren auf den Markt kamen.
Ohnehin glich ein Fotograf zur der damaligen Zeit eher einem
Alchimisten, als einem Handwerker.
Heinrich starb 1945 und das Fotogeschäft wurde von seinem
einzig
überlebenden Sohn, Heinrich Fritz dem Zweiten
weitergeführt.
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